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Halle (Saale) - 29. September 2009 | salikus.de

Die Leiden des neuen jungen W.

Über das fatale und zugleich erfolgreiche Scheitern an den Möglichkeiten und Freiheiten in heutigen Zeiten.

Das Stück "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf feiert 37 Jahre nach seiner Uraufführung erneut Theaterpremiere in Halle (Saale). Regisseur Frieder Venus gelingt am neuen theater eine fast zeitlose Fassung.

Bild: "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf

© Gert Kiermeyer

Edgar Wibeau (Wolf Gerlach - mi.), Dieter (Jonas Schütte) und Charlie (Sophie Lüpfert) treffen unvermittelt aufeinander.

Bild: "Die neuen Leiden des jungen W." am neuen theater in Halle (Saale)

© Gert Kiermeyer

Sophie Lüpfert und Wolf Gerlach in "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf. 37 Jahre nach der Uraufführung in Halle (Saale) inszenierte Frieder Venus am neuen theater den Stoff im Hier und Jetzt.

 

Als das Stück am 18. Mai 1972 seine Uraufführung in Halle (Saale) erfährt, sind die Zeiten andere. Der so genannte sozialistische Kollektivismus prägt die gesellschaftlichen Verhältnisse. Trotz seiner DDR-Alltagsbezüge wird Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." in der Spielzeit 1974/1975 dennoch zum meistgespielten Theaterstück in beiden Teilen Deutschlands. Allein 104 Mal steht der damals 26 jährige Schauspieler Reinhard Straube in der Rolle des Edgar Wibeau vor ausverkauftem Haus am Landestheater Halle auf der Bühne. Damit wiederholt sich ein Erfolg, der schon bereits Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" 1774 beschieden war. An diesem Kontext muss sich auch die Neuinszenierung von Venus messen lassen, zumal Reinhard Straube darin seinen Ehrenplatz bekommt: als "Wiederkehrer" Eddi.

Regisseur Frieder Venus unternimmt den Versuch, die Vorlage radikal ins Hier und Jetzt zu übertragen. Dies wird schon gleich zu Anfang deutlich, als auf einer riesigen Videoleinwand die Eckdaten von Edgar Wibeaus Leben benannt werden: 1992 bis 2009.

Das Stück beginnt, wie es beginnen muss: am Grab des Sohnes. Mutter und Vater begegnen sich hier erstmals wieder, nachdem Edgars Vater (Karl-Fred Müller) die Familie verlassen hat, als Edgar fünf war. Während die Mutter (Lena Zipp) jede Verantwortung am Tod weit von sich schiebt, beginnen die Fragen im Kopf des Vaters immer bohrender zu werden. Sie treiben ihn schließlich dazu, eigene Nachforschungen in Edgars Umfeld anzustellen, um für sich selbst Antworten zu finden. Edgar (meisterlich gespielt von Wolf Gerlach) mischt sich konstant in diese Spurensuche ein, um seiner eigenen Lebensgeschichte nachträglich Richtung und Sinn zu geben. Einzig Freund Willi (Ilja Pletner) bleibt sein steter korrelativer Bezugspunkt, auch nach der Trennung der beiden.

In einer Gartenlaube verbringt Edgar allein und rastlos den Rest seiner kurzen Jugend, gerät auf der Suche nach Klopapier an Goethes "Werther" und lernt die Kindergärtnerin Charlie (Sophie Lüpfert) kennen. Spätestens als sie die Rotweinflasche in Frommer-Helene-Manier an den Mund führt wird klar: die Klassiker der Verführungskunst haben nie ausgedient. Eine kurze Liaison beginnt, die durch den von der Bundeswehr heimkehrenden Verlobten Dieter (Jonas Schütte) in einer für alle Beteiligten unglücklichen Dreierbeziehung endet.

Die Aufführung vermeidet bewusst sprachliche Rückbezüge auf mittlerweile überlebte Terminologien und zeigt damit in bemerkenswerter Weise die Zeitlosigkeit auf, die Plenzdorfs Text innewohnt. Lediglich in einigen Passagen wie der, in der Edgar seinen ersten Arbeitstag in einer "1-Euro-Job-Brigade" beginnt und gleich wieder rausfliegt, klingt die Adaption von multikultureller Schnoddrigkeit sichtlich bemüht.

Das minimalistische Bühnenbild von Angela Baumgart weiß durchgehend zu überzeugen und schafft ungeahnte Räume für vielfältige Interaktion. So wird der Galgenstrick zur Schaukel und zum Symbol einer unbändigen Lebenslust. Die Video- und Animationssequenzen von Conny Klar bereichern das Stück um eine weitere Dimension und erzeugen teilweise bedrohliche Beklemmung. In einem fortwährenden Sampling-Prozess entwickelt Frieder Venus die Geschichte bis zum bitteren Ende ohne Schmerz. Dem Zusammenspiel der überwiegend jungen Darsteller (und gleichzeitig neuen Ensemblemitglieder) gelingt diese Darstellungsweise bravourös. Venus’ Inszenierung stiftet Verwirrung, um des Pudels Kern zu enthüllen: die Fremdbestimmtheit von Individualität in einem nur dem Scheine nach liberalen Umfeld.

Thomas Kümmel

 

 

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