Neue Theater-Formate in Halle (Saale)

Bild: Thomas Schult

FORMAT - NEUE WEGE IN DER KULTUR - das zweite Stipendiaten-Festival

Halle (Saale) - 07. Juli 2009 | salikus.de

"Das Jahr der Wende 89/90" war das Thema, unter dem sich junge Theatermacher im letzten Jahr zum Stipendiatenprogramm der Deutsche Bank Stiftung und des Thalia Theater Halle bewerben konnten. Vom 17. Juni bis 27. Juni 2009 präsentierten nun sechs Stipendiaten ihre Projekte auf Bühnen und öffentlichen Plätzen in Halle (Saale).

Der große Hype auf 20 Jahre Wende steht noch bevor, dennoch schwappt fast täglich der Erinnerungsmarathon durch die Medien. Angestrengte Berichte über DDR-Geschichte wollen den Segen des Heute verbreiten.
Doch gerade der unverkrampfte Blick von jungen Menschen, die in den letzten Zuckungen der DDR geboren worden, auf diese Wendejahre, kann überraschend gut tun. So jedenfalls geschehen beim Stipendiaten-Festival vom Thalia Theater in Halle (Saale).
Vier Projekte stachen besonders hervor. Zum einen wegen ihrer unterschiedlichsten Herangehensweise an das Thema Wendejahre, zum anderen auch wegen ihrer Resonanz beim Publikum.

Suche im Hier und Jetzt
Ina Driemels Inszenierung "Wonach wir suchen" war das erfrischendste Projekt des Festivals, zugleich das mit dem nachhaltigsten AHA-Effekt. Sie holte vier Jugendliche auf die Bühne, die ihren Lebensraum, ihre vier Wände, ihre Hobbys und ihre Träume präsentierten. Die Ausgangsfrage "Was hat die DDR-Geschichte mit mir zu tun?" wurde angerissen, jedoch nicht beantwortet. Sie schien tatsächlich immer unwichtiger zu werden, denn was Andreas Hamm, Almira Sokoli, Lydia Bankwitz und Conrad Schöne an Einblicke in ihr Leben boten, geriet zu einer berührenden und erfrischenden Collage unterschiedlichster Lebenswelten.
Da war die Jugendliche Almira Sokoli aus dem Kosovo, die ihren Lebensraum Küche präsentierte, weil das Kochen für Frauen in ihrer Kultur, sie ist Muslimin, eine Schlüsselrolle einnimmt. Sie schilderte die Flucht ihrer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien, das Leben in Flüchtlingsunterkünften in Bremen, Halberstadt und schließlich in Halle (Saale). Während Conrad Schöne aus dem Off seinen Haftraum in der Jugendanstalt beschrieb. Was mehr als nur eine Illustration seiner Abwesenheit war, denn er befand sich tatsächlich in Neustrelitz in einer Jugendstrafanstalt.
Eine Welt aus Manga und IKEA-Möbeln zeichnete Lydia Bankwitz, die sogar den Wunsch hat, in jenem schwedischen Einrichtungshaus einmal wohnen zu dürfen. Dann war da auch noch der Spielefreak Andreas Hamm, der obendrein Radiosendungen über Musik aus Computer- und Konsolenspielen bei Radio Corax macht.
Die entwaffnende Offenheit der jungen Protagonisten und die Präsentation ihrer Träume ließen den Zuschauer zum Voyeur werden. Das Konzept von Ina Driemel, jungen Leuten eine Bühne zu geben und ihre Geschichten erzählen zu lassen, ging auf. Wenn da nicht die Suche nach Wolkenkuckucksheim gewesen wäre. Denn hier schlüpften die drei Jugendlichen in vorgegebene Rollen und mussten ihre gelernten Texte deklamieren. Was vorher überzeugend schön und ungeschminkt erzählt wurde, lief nun Gefahr in die Peinlichkeit abzurutschen. Aber diese Szene rettete Michael Wagner als Maurer. Und Maurer von Beruf ist er im realen Leben auch. So waren seine Erläuterungen zum Mauerbau um Wollenkuckucksheim entsprechend schnaufend und karg.

Surreale Welten
Ein springender rosafarbener Plüschhase (Harald Höbinger) auf einem Trampolin, dahinter Monitore mit Bildern aus Katastrophengebieten der Welt. Ist das der Freudentaumel eines Volkes, während ringsum die Kriege weiter gehen?
Dann ein Kofferradio schleppender Mann der Nachrichten hört. Eine Frau die Passanten anspricht und sich fragt, wie man jetzt über die Kriege in der Welt nachdenken kann, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Ein Mädchen sitzt vor einem Friseurladen auf dem Gehweg und liest aus dem Tagebuch ihrer Mutter vor, welches sie gerade entdeckt hat. Eine Baulücke wird zur Ausstellungsfläche mit Sprüchen aus vergangenen Zeiten, eine übergroße Wandzeitung aus einer fast vergessenen Welt, die sich Sozialismus nannte. Und überall Seifenblasenmaschinen die unermüdlich schillernde Blasen in die Nacht hinaus spuckten. Das Happening "Träum weiter", was Simone Sima Younossi da am Samstag (20. Juli) bot war schrill, unterhaltsam und doch mit leisen Tönen gespickt. Sie verwandelte die Große Ulrichstraße in Halle (Saale) in eine dampfende, brodelnde surreale Welt der Erinnerungen und hunderte Besucher ließen sich von ihr einfangen.

Viel Krach. Und?
Die Idee von Sabine Spiehl, eine verrockt literarische Collage auf die Bühne zu bringen und mit ihr drei hallesche junge Bands, klang gut und lockte auch einige Zuschauer in das ehemalige Fernsehstudio am Waisenhausring. Die Bands studierten Stücke u.a. von Feeling B., Silly, Müllstation und Lift ein oder interpretierten sie gar gänzlich neu. Doch die gespielten Texte aus der DDR-Jugendliteratur, die gelesen durchaus ihren Reiz haben, ließen einige Zuschauer auf eine erlösende Pause hoffen. Schade eigentlich, denn die Idee hatte tatsächlich Potenzial für einen unterhaltsamen und zugleich spannenden Theaterabend. Nur ist sie implodiert.

Wanderung durch Plattenwelten
Franziska Seeberg lud am Ende der Festivaltage zu einem nächtlichen Richtfest auf dem Gelände des ehemaligen Steghochhauses #5 im Glauchaviertel ein! So war dann der Titel "Am Steg 5" für ihr Projekt auch nicht verwunderlich und zugleich Programm des Abends. Die Kulisse bestand aus einer geretteten Platte des ehemaligen Wohnturms am Glauchaer Platz, einer reich gedeckten Tafel und dem noch stehenden Punkthochhaus im Hintergrund. Das Publikum musste sich mit den Widrigkeiten eines frisch aufgeschütteten Bodens auseinandersetzen, da es zuvor dauerhaft geregnet hatte war dieser derartig aufgeweicht, dass die Zuschauer regelmäßig samt der Stühle im Erdreich versanken und für einen ungewollten aber netten Unterhaltungswert am Rande des Abends sorgte.
Doch die erzählten Geschichten von Mitgliedern des "Singekreis Halle" lenkten schnell von umherschwirrenden Mücken und gelegentlichen Regentropfen ab. Erinnerungen an eine im Rauch gefangene Stadt in der Winterzeit, verursacht von den damals üblichen Kohleöfen, wurden geweckt. Der Segen von Warmwasser aus der Wand in den neuen Häusern aus Beton ließ die Altbauten zunehmend verfallen. Der Spaziergang durch die Geschichte wurde vom Chor durch Wanderlieder gebrochen und schräg illustriert. Aber auch der nüchterne Vortrag von Zeitungsartikeln aus dem damaligen SED-Bezirksorgan "Freiheit" (heute Mitteldeutsche Zeitung) hatte leicht satirische Züge. Das trockene Verlesen durch Johannes Müller ließ noch einmal die Lobhudelei der DDR-Medien aufleben.
Doch die Krönung, eine Art Abgesang auf die geliebte und gehasste Platte, war dann eine Arie aus dem zweiten Akt der Henry Purcell Oper "The Fairy Queen". Julia Preußlers Stimme schwebte in die kühle Sommernacht und verkündete: See, even Night her self is here … (Siehe, auch Nacht selbst ist hier).

Auf ein Neues
Auch nächstes Jahr wird es wieder ein Stipendiatenfestival geben und dann hoffentlich mehr neugierige Zuschauer. Wenn Theater bewegen will, müssen wir uns bewegen, sagte Annegret Hahn (Intendantin des Thalia Theater Halle) zu Beginn der Festivaltage. Damit auch im kommenden Jahr Projekte mit Format auf neue Wege gebracht werden hatte sich am letzten Festivalwochenende die Jury des Stipendiatenprogramms FORMAT - NEUE WEGE IN DER KULTUR in Halle (Saale) zusammengefunden.
Barbara Rucha, Adrienne Göhler, Prof. Wolfgang Kil und Christian Lagé berieten und entschieden sich für sechs Projekte aus den eingegangenen Bewerbungen zum Thema Familie. Auf welche Wege sich die neuen Stipendiaten im dritten Jahr des Programms begeben werden darf man dann im Juni 2010 erkunden.

 

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