Streit um "kumulative Radikalisierung" in Halle (Saale) geht weiter

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"Herrenmensch" Katzer: höchstbedauerliches Missverständnis

Halle (Saale) - 23. Juni 2009 | salikus.de

Thalia-Intendantin Annegret Hahn soll sich bei ihrem künstlerischen Betriebsdirektor Ulrich Katzer entschuldigen. Sie warf ihm Antisemitismus vor, nach dem er den Begriff "kumulative Radikalisierung" in einem Personalgespräch angewandt hatte. Dieser Begriff umschreibt in der Wissenschaft u.a. den Genozid der Juden, Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus. Prof. Max Schwab wirft Katzer eine ultrarechte, faschistoide und antisemitische Basis vor. Stadträtin Wolff informierte jetzt den Zentralrat der Juden über die aktuellen Vorgänge an den halleschen Bühnen.

Ein Protestschreiben von Annegret Hahn, Intendantin des Thalia Theaters Halle, sorgte für Missstimmung beim Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH in Halle (Saale). (Wortlaut des Briefes siehe unten) Darin warf Annegret Hahn ihrem Vorgesetzten Ulrich Katzer vor, dass er sich als "Herrenmensch" aufspielte und mit der Verwendung des Begriffs "kumulative Radikalisierung" sich als Antisemit geoutet habe. "Dieser Begriff wird ausschließlich von Historikern in Verbindung mit dem Nationalsozialismus angewandt und umschreibt den Prozess bis zur konsequenten Ausrottung der Juden ab 1933", so die Intendantin in ihrem Protestbrief an die Mitglieder des Aufsichtsrates.Ein Protestschreiben von Annegret Hahn, Intendantin des Thalia Theaters Halle, sorgte für Missstimmung beim Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH in Halle (Saale). Darin warf Annegret Hahn ihrem Vorgesetzten Ulrich Katzer vor, dass er sich als "Herrenmensch" aufspielte und mit der Verwendung des Begriffs "kumulative Radikalisierung" sich als Antisemit geoutet habe. "Dieser Begriff wird ausschließlich von Historikern in Verbindung mit dem Nationalsozialismus angewandt und umschreibt den Prozess bis zur konsequenten Ausrottung der Juden ab 1933", so die Intendantin in ihrem Protestbrief an die Mitglieder des Aufsichtsrates.

Dieser Auffassung konnten der Aufsichtsrat und die Oberbürgermeisterin von Halle (Saale), Dagmar Szabados, nicht folgen und forderten von Annegret Hahn eine Entschuldigung.
Auch Ulrich Katzer wandte sich in einem Brief an die Intendantin und forderte von ihr, dass sie sich mit ihm zu einem Gespräch treffen möge um das "höchstbedauerliche Missverständnis" aufklären zu können. (Wortlaut des Briefes siehe unten)

Rückzug JA, Entschuldigung NEIN
Die Hoffnung von Dagmar Szabados, Oberbürgermeisterin von Halle (Saale), dass die Vorwürfe des Antisemitismus gegen den künstlerischen Betriebsdirektor vom Tisch sind, hat sich nun zerschlagen. Zwar hat Annegret Hahn den Brief und darin gemachten Vorwürfe zurück genommen, dies auch nur mündlich gegenüber dem Geschäftsführer Rolf Stiska. Für eine Entschuldigung sieht die Intendantin jedoch keinen Grund.
Unterdessen hat sich Stadträtin Sabine Wolff (NEUES FORUM) der Sache angenommen. Sie hat nun den Vorgang in aller Ausführlichkeit dem Zentralrat der Juden in Deutschland zukommen lassen. Für die bekennende Jüdin ist es ungeheuerlich, dass der Aufsichtsrat und die Oberbürgermeisterin von Annegret Hahn eine Entschuldigung verlangen und sich hinter Ulrich Katzer stellen. "Ich komme selbst aus einer Familie in der es keine Großeltern, keine Tanten, keine Onkels, keine Cousinen mehr gibt, weil Nazis und ihre Helfershelfer diese in die Gaskammern trieben und dort ermordeten", erklärt Sabine Wolff ihre Wut über die Ereignisse der letzten Wochen an den Bühnen von Halle (Saale).

"Ultrarecht" und "faschistoid"
Auch Professor Max Schwab, der älteste Jude von Halle (Saale), äußerte sich zur Verwendung des Begriffs "kumulative Radikalisierung" durch Ulrich Katzer.
Max Schwabe schreibt in einer ersten Reaktion am 26. Mai 2009:
"Die Äußerungen des Herrn Katzer basieren auf einer ultrarechten, ja faschistoiden, im Grunde nicht nur antidemokratischen, sondern in letzter Konsequenz auch antisemitischen Basis. Die schriftlichen und mündlichen Äußerungen und Handlungen disqualifizieren Herrn Katzer ohne Einschränkung als Direktor einer öffentlich rechtlichen Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, weil sie den mit seiner Stellung verbundenen, und den, von der demokratisch gewählten kommunalen Volksvertretung mit seiner Berufung ins Amt gewollten, kultur- und bildungspolitischen Auftrag konterkarieren."

Brief von Annegret Hahn an den Aufsichtsrat, vom 22. April 2009:
Sehr geehrte Damen und Herren,

große Unzufriedenheit über unsere nicht besuchten Premieren seit April und die Sorge, dass die Arbeit des Thalia Theaters, die in den letzten Jahren stattgefunden hat,  systematisch zerstört  werden kann, zwingen mich dazu Ihnen folgenden Umstand mitzuteilen.  Am 21. April 2009 fand zu unserem Abo ein Gespräch mit dem künstlerischen Betriebsdirektor  der Theater,  Oper und Orchester GmbH Halle statt. In diesem Gespräch äußerte Herr Katzer, dass er den vielfältigen Aktivitäten speziell unseres Theaters gegenüber nach dem Prinzip der "kumulativen Radikalisierung " verfahren möchte. Dieser Begriff wird ausschließlich von Historikern in Verbindung mit dem Nationalsozialismus angewandt und umschreibt den Prozess bis zur konsequenten Ausrottung der Juden ab 1933. Der Begriff wurde durchaus kontrovers diskutiert; war die Ausrottung der Juden im Programm des Nationalsozialismus von Beginn an Ziel oder haben sich die Maßnahmen anhäufend radikalisiert. Unabhängig von der Historikerdebatte steht dieser Begriff für die Vernichtung und Ausrottung der Juden. Vergleichsweise wird dieser Begriff auch auf die Säuberungsaktionen  in der Zeit des Stalinismus angewandt. Den Begriff "kumulative Radikalisierung" wie beschrieben,  prägte Hans Mommsen in seinem Aufsatz "Die Realisierung des Utopischen": die "Endlösung der Judenfrage" im "Dritten Reich". Nachfragen im Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität konnten den Schock der Mitarbeiter nur bestätigen, dass "kumulative Radikalisierung" in keinster Weise eine Verharmlosung zulässt. Wie kann es dazu kommen, dass Herr Katzer solche Äußerungen gegenüber den Aktivitäten des Thalia Theaters in Öffentlichkeit und vor Mitarbeitern der GmbH , für die er in seiner Leitungsposition Verantwortung trägt, machen kann. Antisemitische Äußerungen, wie diese von Herrn Katzer, kann ich nicht dulden. Ich bin schockiert und verletzt über diese eigene Gleichsetzung mit einer unvergleichlichen Gräueltat, die  in der Geschichte der Neuzeit beispiellos ist. Antisemitismus ist der Antikapitalismus der Dummen  - Augst Bebel. Da ich Herrn Katzer nicht für einen dummen Menschen halte, muss ich davon ausgehen, dass seine Bemerkung wohl gesetzt ist.  Der Beschluss zur Bildung der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle beinhaltet auch den Erhalt des Thalia Theaters. Das ist die Basis auf der wir alle arbeiten sollten. Antisemitischen  Äußerungen gegenüber bin ich mehr als empfindlich und ertrage und dulde sie in keinem Zusammenhang. Was beflügelt Herrn Katzer, sich als "Herrenmensch" aufzuspielen gegenüber den " Untermenschen "/ "der minderen Theaterrasse (Kinder-und Jugendtheater)"  Thalia Theater?

Mein vehementer Protest  gegen solche Äußerungen und solche Ausdrucksweise!


Annegret Hahn



Brief von Ulrich Katzer, vom 19. Mai 2009:
Sehr geehrte Frau Hahn,

ich schreibe Ihnen, um meinen Teil an der Aufklärung eines offensichtlichen Missverständnisses zu leisten. Mit großer Verwunderung und - das möchte ich nicht verhehlen - noch größerer Bestürzung musste ich zur Kenntnis nehmen, dass Sie in einem mehr oder weniger offenen Brief an verschiedene Empfänger in der Kultur GmbH, der Stadtverwaltung und im Stadtrat mich des Antisemitismus bezichtigen. Sie rekurrieren dabei auf ein vorgebliches Protokoll eines Arbeitstreffens zwischen mir und den Mitarbeiterinnen Melanie Peter, Hanka Büchner und Katja Töpfer. Sie selbst nahmen an diesem normalen Arbeitsmeeting, in dem es um das Thema Abonnementsgestaltung ging, nicht teil. Ein Protokoll das Sie als Beleg anführen, war nicht vorgesehen gewesen und ist auch nicht erstellt worden.
Als besonders verletzend empfinde ich, dass Sie weder mit mir ein Gespräch gesucht haben, um dieses Missverständnis aufzuklären, noch es für nötig befanden, mich über Ihren offenen Brief zu informieren oder ihn mir ebenfalls zuzustellen. Vollständig irritierend finde ich auch, dass Sie entsprechenden Bitten des Geschäftsführers der Kultur GmbH, Rolf Stiska, der Kulturreferentin der Stadt Dr. Ursula Wohlfeld und schlussendlich des Burgermeisters Halles, Dr. Thomas Pohlack, um ein klärendes Gespräch, keine Folge leisteten. Gerade bei einer Behauptung von so ungeheuerlicher
Tragweite wäre es das mindeste gewesen, diesen Bitten nachzukommen. Ich jedenfalls habe diesen Bitten entsprochen, um Rede und Antwort zu stehen.

Sie werfen mir vor, durch die Verwendung des Begriffs der "kumulativen Radikalisierung" in Bezug auf die derzeitigen Arbeits- und Vorstellungsbelastungen des Thalia-Ensembles einen direkten Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Thalia-Theaters und der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Juden zu konstruieren. Diese Anschuldigung ist absurd und ich weise sie vehement von mir. Ich bin bestürzt, dass Sie ohne Recht und Substanz mich, der ich als Jurist und durch meine bisher geleistete Arbeit im öffentlichen Dienst immer ein klares Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung gelebt habe, des Antisemitismus' bezichtigen und mich durch ihren vorgenannten Brief denunzieren.

Gleichwohl räume ich ein, dass der Begriff "kumulative Radikalisierung" auch ein Begriff der Geschichtswissenschaften ist und von Hans Mommsen in den 1960er Jahren erstmalig auf das System des Nationalsozialismus angewandt wurde. Dieser analytische Begriff beschreibt einen selbst zerstörerischen Vorgang eines Systems, der nur durch Eingriffe aufgehalten werden kann. Die Beschreibung dieser Prozesse kenne ich auch aus anderen Lebensbereichen.

Im Kern ging und geht es mir gerade um das Gegenteil. Ich wollte zu einer Diskussion anregen, ob nicht vielleicht durch zu viele Aktivitäten auf eine Überlastung der Mitarbeiter hingesteuert wird und dabei ein Effekt eintreten könnte, welcher den unbestrittenen Erfolg des Thalia-Theaters in seinem Kinder- und Jugendbereich gefährden könnte. Im Nachhinein erkenne ich an, dass ich mein Anliegen sicher auch anders hätte beschreiben können.

Und deshalb sage ich noch einmal in aller Deutlichkeit, dass das einzige Thema dieser Sitzung die heutige Arbeitssituation am Thalia-Theater gewesen ist. Als Ich meine persönlichen Einschätzungen zu Trends am Thalia-Theater umschrieb, hat absolut niemand der Meeting-Teilnehmer daran Anstoß genommen oder konnte darin auch nur annähernd etwas erkennen, was Sie mir in ihrem Brief an Dritte jetzt unterstellen. H|

Eine Teilnehmerin dieses Gespräches hat nachträglich eine schriftliche Notiz, die diese Teilnehmerin jetzt "Protokoll" nennt und offenbar lediglich nur Ihnen übersandt hat, angefertigt. Selbst aus diesem Schriftstück geht nicht hervor, dass ein Teilnehmer irgendwelche (auch historische) Vergleiche angestellt hat. Erst recht geht nichts hervor, was geeignet ist, solche Rückschlüsse zu ziehen wie Sie gefolgert haben.

Sehr geehrte Frau Hahn, Sie haben einen mich tief verletzenden öffentlichen Angriff auf meine Person und meine Reputation unternommen. Dennoch bitte Ich Sie um ein Treffen, um das zu Grunde liegende und höchstbedauerliche Missverständnis - nur darum kann es sich handeln - auch in einem persönlichen Gespräch aufzuklären und für alle Seiten ein normales und fruchtbares Arbeitsverhältnis herzustellen.

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Katzer

 

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