ULTRAS - Die Unverstandenen feierten Premiere

Bild: Gert Kiermeyer

Kein Lehrstück über und mit Fußballfans von Dirk Laucke in Halle (Saale)

Halle (Saale) - 22. September 2009 | salikus.de

Theaterpremiere eines Stücks, in dem neun junge Männer aus der Fanszene des Halleschen Fußballclubs (HFC) ihr Leben als Fußballanhänger der extremen Art erzählen. Dirk Lauckes Inszenierung am Thalia Theater in Halle (Saale) ist spannend, informativ und absolut unkorrekt. Die Oberbürgermeisterin von Halle (Saale), Dagmar Szabados (SPD), fordert deshalb Änderungen an der Aufführungspraxis.

In den Medien gibt es immer wieder Berichte zum Umfeld des HFC, die auch mit Stichworten wie Randale, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt gespickt sind. Nicht selten werden diese Stichworte mit den ULTRAS der Saalefront, einer Fangruppierung des HFC, in Verbindung gebracht. Doch was sind überhaupt ULTRAS, welche Menschen stehen dahinter? Diese Frage wird kaum jemand für sich und völlig abschließend beantworten können, der nicht in der Fanszene irgendwie involviert ist.


Der junge Theaterautor und Regisseur Dirk Laucke hat es wieder einmal geschafft, junge Menschen auf die Bühne zu holen und sie ihre Geschichte (und Geschichten) erzählen zu lassen. Neun Fans aus der so genannten ULTRA-Szene konnte Laucke für sein Projekt gewinnen und entwickelte dann in langwierigen Gesprächen mit den neun Männern ein Theaterstück, das am Freitag Premiere auf der Bühne im Thalia Theater in Halle (Saale) hatte. Und einen zehnten jungen Mann, Journalist und zudem noch Magdeburger, konnte Dirk Laucke überreden, im Stück den Gegenpart zu den halleschen HFC-Fans zu übernehmen. Überreden musste der Regisseur allerdings auch die Ultras, die keinen Magdeburger in ihrer Nähe haben und erst recht nicht mit ihm in einem Projekt zusammen arbeiten wollten.
Ungewöhnlich für einen Theaterbesuch war bereits die Situation im Eingangsbereich des Thaliatheaters: Sicherheitspersonal kontrollierte die Besucher und mitgebrachte Taschen auf gefährliche Objekte. Das war keineswegs Teil der Inszenierung, sondern eine wohldurchdachte Sicherheitsmaßnahme, denn die ULTRAS haben – wie sich später im Stück zeigen sollte – natürlich auch Feinde.

Und jedes Wochenende „Bullenfasching“ ...
Regisseur Dirk Laucke und seine Protagonisten aus der halleschen Fanszene ließen von Anfang an keine Zweifel aufkommen, dass das Projekt ein authentisches Stück, eine Reflektion der realen ULTRAS sein wird. Schon bei der Beschreibung eines Spiels in Frankfurt (Oder) wurde deutlich, dass wöchentliche Auseinandersetzungen mit der Polizei einkalkuliert werden. Korrektur an dieser Stelle: es ging nicht um das Spiel, es ging um das auf die Minute genau geplante Zünden eines bengalischen Feuers und das anschließende zwangsläufige Eingreifen der Sicherheitskräfte. Das Unverständnis der ULTRAS war nicht gespielt, denn sie konnten (und können) nicht verstehen, warum diese „harmlose Aktion“ gleich eine Festnahme rechtfertigt. Erschreckend der Applaus aus dem Publikum, als es hieß „Bullenmörder sind keine Mörder“. Damit wurde auch noch der Zuschauersaal zur Theaterbühne, zu einem weiteren Spiegel der Realität im HFC-Stadion. So leidenschaftlich und teilweise humorvoll das Spiel auf der Bühne auch war, ein bitterer Beigeschmack blieb immer. Denn die ULTRAS sahen nur Provokation, Unverständnis und ungerechtfertigte Härte - von Seiten der Sicherheitskräfte als auch der Verantwortlichen im Fußballverein.

Sind ULTRAS Nazis oder doch nicht?
Dass rechtsradikale Tendenzen bei einem Teil der Fußballanhänger auszumachen sind, wurde nicht erst in Vorbereitung des Theaterstücks thematisiert. Besonders die Fußballspiele des HFC gegen den FC Jena wurden nicht nur in den Medien heiß diskutiert. Ihr Schlachtruf „Judenjena“ - für die ULTRAS eine „ganz normale Provokation“ – ist nicht nur für Außenstehende ein klares Zeichen für Antisemitismus. Was freilich die ULTRAS auf der Bühne und im realen Leben energisch bestreiten. Wenn das Antisemitismus wäre, dürfe man auch nicht Zigeunerschnitzel oder Zigeunersoße sagen. Hier werden genau die Rechtfertigungsmechanismen sichtbar, die in der Neonazi-Szene üblich sind. Ein Reflektieren von Begriffen und ihren geschichtlichen Zusammenhängen fand und findet – auch auf der Bühne – nicht statt. Das ist erschreckend, jedoch spielen die ULTRAS in erster Linie sich selbst und kein demokratisch korrektes Polittheater.

Höchststrafe Stadionverbot
Überdeutlich wurde auch das Dilemma der Vereinsführung im Umgang mit Randalierern. Zu unentschlossen ist man in Bezug auf Straftaten und hofft stattdessen auf Besserung der erwischten Personen. Schön herausgespielt war die Rückkehr aus dem Büro des Vereinspräsidenten, der mit Stadionverbot drohte und dies dann dennoch nicht aussprach - in der Hoffnung, dem Fan würde die Drohung genügen. Erst später, nachdem er abermals randaliert hatte, bekam er das angedrohte Stadionverbot ausgesprochen: 3 Jahre.
Tatsächlich haben auch drei der Protagonisten aktuell Stadionverbot, was sie selbst als Höchststrafe bezeichnen. Dagegen sind Strafanzeigen wegen Landfriedensbruch eine Bagatelle, so eines der Fazite aus dem Stück. Man kommt nicht umhin, weitere zu ziehen.

Dirk Laucke ist es gelungen, einen erlebbaren Einblick in den Alltag von Fußballfans zu geben, die nicht das Atmen vergessen weil am Wochenende das nächste Fußballspiel steigt. Junge Männer die glauben, dass es den Fußball ohne sie - ohne ihre Performance und Begeisterung - nicht geben würde. Freundinnen kamen in den erzählten Geschichten nicht vor, dafür aber Mütter und Prostituierte, womit die Bandbreite der Weiblichkeit im Leben der ULTRAS und am Premierenabend abgedeckt war.
Auch wenn Dirk Laucke den Gegenpol der ULTRAS mit Steven Michl als Billy Steinhauer - Journalist und Magdeburger - deutlich schwach ausgestattet hatte, so vermittelte das Stück ULTRAS dennoch eine erschreckende Authentizität, nicht zuletzt durch die Reaktionen aus dem Publikum. Nicht die Bundeszentrale für politische Bildung erzählte die Geschichten im Stück, sondern reale Menschen aus der realen Umgebung des Halleschen Fußballclubs.

Nachspiel auf der politischen Bühne
Dass dem Stück ULTRAS eine deutliche Distanzierung zu Antisemitismus und Rassismus fehlt, kann man in aller Schärfe kritisieren und diskutieren. Doch die Oberbürgermeisterin der Stadt Halle (Saale) geht in dieser Hinsicht noch erheblich weiter. Nachdem sie am Premierenabend herzlich mitgelacht und am Ende applaudiert hatte, fordert sie nun, dass die Passagen, in denen die „Judenjena“-Rufe thematisiert und der Slogan „Bullenmörder sind keine Mörder“ skandiert werden, nicht unreflektiert verhallen dürfen.
Dagmar Szabados ist mit dem Stück sehr einverstanden, doch es dürfe nicht der Hauch eines Verdachts aufkommen, dass man extremen Gruppierungen eine Plattform an halleschen Theatern bieten würde. Wie der Regisseur die Forderung der Oberbürgermeisterin erfüllt, bleibe letztlich ihm überlassen, so Stadtsprecher Steffen Drenkelfuß. In künstlerische Belange werde man sich von Seiten der Stadt nicht einmischen. Eine Lösung könnte schon das Zuschauergespräch im Anschluss an die Vorstellung von ULTRAS sein. Ein solches entfiel am Premierenabend und hätte die Kritiker womöglich gar nicht erst auf den Plan gerufen. Fragen von Journalisten, ob es jetzt personelle Konsequenzen geben werde, beantwortete OB Szabados mit einem klaren Nein.

 

Die letzten Nachrichten:

Wolter und Kollegen! gehen an den Start

Bild: {IMG_TITLE} Dem Theater war Tom Wolter in den letzten Jahren treu geblieben, jedoch weniger auf der Bühne. Jetzt ...mehr


 

HWG: Gezerre um Aufsichtsratsvorsitz in Halle (Saale) beendet

Bild: In seiner Sitzung am 10. Dezember hat der Aufsichtsrat der Halleschen Wohnungsgesellschaft mbH (HWG) ...mehr


 

Bild: Sitz der Halleschen Wohnungsgesellschaft mbH (HWG) Die Oberbürgermeisterin von Halle (Saale), Dagmar Szabados (SPD), schaltet sich in den ...mehr


 

Werbung

Benutzername  Passwort  
 
Login speichern  

Login-Formular schließen

Benutzername  Email-Adresse  
 
Passwort  Passwort wiederholen  
 

Registrierungs-Formular schließen

Suchbegriff
Optionen
... komplette OnlineMagazin
... Nachrichten auf SALIKUS.de
... Kulturkalender für Halle (Saale) durchsuchen.

Suchformular schließen