Die Kammer der Perfektion

Bild: Falk Wenzel

Uraufführung von CAMERA LUCIDA auf der Kulturinsel in Halle (Saale)

Halle (Saale) - 24. Juni 2008 | salikus.de

Shiro Takatani und das Künstlerkollektiv „Dumb Type“ aus Japan boten ein Spiel mit Gesten, Klang- und Videoinstallationen und begeisterten damit das Publikum zum Festival „Theater der Welt 2008“ in Halle (Saale).

Das 1984 gegründete japanische Theater- und Tanzprojekt „Dumb Type“ steht für die Symbiose von neuen Medien und Körper. Sie nehmen die Zuschauer mit in Grenzbereiche der Wahrnehmung, zwischen Bild und Wirklichkeit. Wie viele andere ostasiatische Performancegruppen stellt sich auch „Dumb Type“ der Frage, ob der menschliche Körper die Projektionsfläche von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen ist oder der Körper der letzte Widerstand archaisch verankerter Identität in einer Kultur ist?
Der große internationale Durchbruch von „Dumb Type“ gelang 1990 mit dem Projekt „pH“, welches ein Jahr später auch in Spanien auf dem Granada-Festival aufgeführt wurde. In dem multimedialen Meisterwerk des 1995 an Aids verstorbenen Kopfes der Gruppe, Teiji Furuhashi, war die Bühne ein riesiger Fotokopierer, der die Tänzer im Rhythmus eines “Belichtungsprozesse“ immer wieder neuen choreographischen Konstellationen unterwarf und wie eine Kopiervorlage abtastete.

CAMERA LUCIDA in Halle (Saale) ist ein Auftragswerk von „Theater der Welt 2008“ und Shiro Takatani nimmt das Thema des Buches „Die helle Kammer“ von Roland Barthes - Reflexionen zur Photographie - als Ausgangspunkt seiner Installationen. 10 Tage hatten Takatani und sein Künstlerkollektiv in Halle (Saale) Zeit für die Proben und erstmals signiert Takatani ein Theaterprojekt mit seinem Namen.
Die Bühne im „neuen theater“, auf der halleschen Kulturinsel, ist eine quadratische weiße Projektionsfläche, überdacht von drei weiteren gespannten Leinwänden und von zwei Zuschauertribünen flankiert. Das Publikum sitzt sich gegenüber und ist damit immer im Blickfeld der jeweils anderen Tribüne.

Die Ruhe der Gesten.
Der Beginn war für die Besucher ein Zwang zum Finden der eigenen Ruhe, ein Herunterfahren der eigenen Spannung auf Null. Zwei Akteurinnen nahmen Platz auf Sesseln, die nebeneinander und doch gegenüber standen. Die Zuschauer hatten somit die Möglichkeit zu sehen, was die jeweils andere gegenüberliegende Tribüne ebenfalls im Blick hatte. Bilder die sich gleichen, wenn man sie wendet.
Schweigend und bewegungslos saßen die zwei Japanerinnen in ihren Sesseln, kein nervöses oder verlegenes Rascheln und Hüsteln im Publikum. Das ruhende Bild wurde nur langsam und durch sparsame Gesten aufgelöst.
Was folgte war eine Reise durch Bilder. Eine Inszenierung der Hochtechnologie gepaart mit Pantomime und tänzerischem Spiel. Die getanzte Kopie des Bildes und seiner wieder und wieder reproduzierten Ausschnitte. Die Japaner überließen nichts dem Zufall, selbst die am Boden liegenden Kabel der Stehlampen auf der Bühne hatten eine Ordnung, eine Symmetrie.

Profane Fragen und ebenso schlichte Antworten.
In einer Szene kamen 6 ältere Frauen aus Halle (Saale) auf die Bühne, ehemalige Balletttänzerinnen. Mit leichten und behutsamen Schritten durchwanderten sie in einer strengen Choreographie die Reihen der Stehlampen und Shiro Takatani ließ sie Fragen aus dem Off beantworten: wem würdest Du jetzt gerne einen Brief schreiben? Eine Stehlampe leuchtet auf und eine Frau antwortet: meiner Mutter, leider geht das nicht mehr.
Dieses Bild schien zu aufgesetzt und das Lächeln der Frauen war der Spiegel einer peinlichen Rührung. Hier gab es einen deutlichen Bruch zu dem sonst sehr durchdachten virtuellen und tänzerischen klaren Spiel. Ein Umstand der vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass die Festivalleitung den Inszenierungen zu „Theater der Welt“ auch einen lokalen Anstrich geben wollte.

Darf Kunst perfekt sein?
Das Spiel mit Licht, der Reproduktion des „originalen“ Bildes auf andere Ebenen, mit Hilfe von Kameras und Projektoren, war gekonnt und nicht aufdringlich. Deutlich erkennbar war der Hang zum Perfektionismus. Takatanis CAMERA LUCIDA ist eine Inszenierung der Bilder, der Klänge und gekonnt eingesetzter sparsamer Bewegungen. Die Visualisierung von Klangkollagen auf den Leinwänden erinnerte manchmal an den Mediaplayer auf dem heimischen Computer und konnte leider nicht von den Zuschauern in den oberen Reihen der Tribünen gesehen werden.
Somit entging einigen Besuchern das schönste virtuelle Spiel in seiner Komplexität: ein Videoscan, ein Tanz von Bildern mit Blütenblättern.

Der Abend war voll von stimmigen und fesselnden, getanzten und projizierten Bildern. Die Frage, ob Kunst perfekt sein darf, muss jeder für sich selbst beantworten. Und der Schlussapplaus spiegelte die Stimmung der Uraufführung von CAMERA LUCIDA wieder: kraftvoll,andauernd und mit dankbaren Bravo-Rufen durchsetzt.

 

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